Absurdistan

5 Filmlügen versus die Realität

Filmlügen schwirren seit Jahrzehnten durch unsere Kinos und Wohnzimmer, ohne dass wir sie also solche wahrnehmen. Wenn wir den Unsinn dann doch enttarnen, ist das oft ziemlich lustig. Hier kommen meine fünf Lieblingsfilmlügen versus die traurige, langweilige Wirklichkeit.


Meine ersten Zweifel kamen mir als kleiner Pimpf, der chipsknabbernd Nils Holgerson und seine Abenteuer auf dem Bildschirm verfolgte und sich irgendwann fragte: Muss Nils Holgersson eigentlich jemals aufs Klo? Nils Holgersson musste nicht, ich schon. Und unzählige Glotzenabende später war aus meinem Zweifel Gewissheit geworden.

Filme lügen. Sie erzählen uns haarsträubenden Unsinn darüber, wie die Welt funktioniert. Um unterhaltsamer zu sein als die Realität, um uns mit der Spannung zu versorgen, die wir im Alltag vermissen und manchmal, um aus den unechten Bildern und der unechten Geschichte ein in sich geschlossenes Wunderwerk zu machen. Viele Filmlügen sind schon so sehr Teil unseres Lebens, dass wir sie gar nicht mehr als solche erkennen. Für das ganze besondere „Aha-Gefühl“: hier kommen meine fünf Lieblingsfilmlügen versus die traurige, langweilige Wirklichkeit.

 

(1) Kein Schall im All

Fakt: Unser Universum ist ein stilles Universum. Das menschliche Durchschnittsohr hört kein „Kabumm“, wenn Schiffe, Raumbasen oder Planeten explodieren und kein „whoosch“, wenn ein Schiff beschleunigt. Explosionen ohne Schall, das ist hart. Das ist in etwa so wie Ketschup ohne Pommes essen. Aber genau so isses leider!

Warum? Schall braucht immer ein Medium, in dem er sich ausbreiten kann: Wasser, Luft, Gestein, irgendetwas. Auf der Erde zum Beispiel werden die Luftmoleküle von der Stelle aus, an der ein Geräusch entsteht, zusammengepresst und bewegen sich von dort als Druckwelle weiter. Aber in der Weite des Weltraums gibt es einfach nicht genug von irgendetwas, das die Schallwellen tragen könnte.

Dieser Planet verschwindet einfach sang- und klanglos – und trifft immerhin damit die Realität besser, als viele Filme das tun

 

Funfact: Im Weltraum gibt es durchaus einige feine Gasteilchen, deshalb gibt es – strenggenommen – auch im Weltall Schall. Für uns Menschen aber befinden sich die Schallwellen außerhalb des hörbaren Bereiches.

 

(2) Herz unter Strom

Fakt: In Filmen hilft der Defibrillator, wenn das Herz gar nicht mehr schlägt, im realen Leben hilft er, wenn das Herz zu schnell schlägt. Zu schnell heißt: statt gemütlichen 60 bis 80 Mal zuckt es bis zu 800 Mal in der Minute. Ein solches Herz kann kein Blut mehr durch den Körper transportieren und tötet deshalb den Unglücklichen, dessen Zellen es mit Sauerstoff versorgen soll, innerhalb von wenigen Minuten. Kammerflimmern, nennt man diese Herzrhythmusstörung.

Warum? Schuld am Kammerflimmern ist ein elektrisches Chaos im eigentlich so geordneten Erregungsleitungssystem, das das Herz schlagen lässt. Weil das Herz ein Muskel ist, zieht es sich bei elektrischen Impulsen zusammen. Normalerweise werden die Teile des Herzmuskels in einem sinnvollen Ablauf erregt. Sie kontrahieren sich (Blutauswurf), dann bildest sich die Erregung wieder zurück (Blut kann hineinströmen). Beim Kammerflimmern aber blitzen elektrische Impulse wild und wüst durcheinander, der Herzmuskel zittert oder flimmert nur noch.

Der Stromstoß des Defibrillators stoppt alle Herzaktivitäten – und beendet damit auch, so die Hoffnung, dieses elektrische Wirwarr. Bestenfalls „besinnt“ sich die elektrische Erregungsleitung dann wieder auf ihren ursprünglichen Rhythmus, das Herz schlägt normal weiter. Oder aber, auch das ist möglich, der Herzschlag setzt völlig aus.

Herz-Druckmassage? Die Herzdruckmassage ersetzt den Herzschlag. Wenn das Herz nicht mehr eigenständig Blut durch den Körper pumpt, wird es durch das Drücken und Loslassen auf dem Brustkorb von außen dazu gezwungen. Das hält einen minimalen Blutkreislauf in Gang und versorgt die Zellen mit ihrem Lebenselixier, dem Sauerstoff. Daraus folgt auch: Je länger das Herz nicht behelfsmäßig gedrückt wird, desto länger sind Zellen ohne Sauerstoff und desto wahrscheinlicher sterben sie ab. Dabei halten Organe wie Leber und Niere den Sauerstoffmangel über einen kurzen Zeitraum noch relativ gut aus im Vergleich zu unserem Gehirn.


Oft genug dienen Filmfehler nicht dem atmosphärischen Spannungsaufbau, sondern sie sind schlicht und ergreifend sinnlos. Wie zum Beispiel die Lüge vom …

(3) Perfekten Aufwachgesicht

Definition: Rosige Wangen, volle Wimpern, ein Hauch von Gloss auf den Lippen und schimmernd gekämmtes Haar. Siehe auch: Arschgesicht, das.  Erinnert uns in so ziemlich jedem kommerziellen Film daran, dass die Filmfrauen unerreichbar schön sind.

Es wär jschon toll, wenn wir Mädchen perfekt geschminkt schlafen gehen und ebenso perfekt geschminkt wieder aufwachen könnten. Es wär auch toll, wenn Wohnzimmerecken keinen Staub anziehen würden, Menschen mit den Armen rudern könnten, um zu fliegen und ich jeden Morgen zwei Stück Kuchen essen könnte. Käsekuchen.

Aber so funktioniert das Universum einfach nicht. Frauen, die sich vor dem  Bettgehen nicht abschminken, sehen am Morgen zu 100 % nicht so aus wie Elena in diesem verlinkten Vampire-Diaries Clip, sondern so wie diese junge Dame hier:

Und ja, hier muss meine Feministinnenseele schreiben: Warum? Ungeschminkte Schauspielerinnen sind sicher nicht alle soooo hässlich, dass man sie dem Zuschauer nicht zumuten kann. Also ich würde mich darüber freuen, wenn ein Filmemacher diesen „Mut“ hätte.


Es gibt auch Filmlügen, die sind regelrecht gefährlich. Denn sie geben uns eine falsche Vorstellung der Wirklichkeit, die uns dann beim Helfen hindert, wenn Menschen wirklich in Gefahr sind.

(4) Wie Ertrinken wirklich aussieht

Fakt: Menschen an der Schwelle zum Ertrinken haben im Film genug Zeit für ein bisschen Drama, für wildes Herumgeplantsche, Spritzen und Winken, bevor sie dann gerettet werden. In der Realität werden die meisten Ertrinkenden nicht gerettet. Sie sterben, lautlos und unbemerkt.

Warum? Die Reaktion unseres Körpers auf ein drohendes Ertrinken ist in uns hineinprogrammiert. Instinktiv strecken wir unseren Körper und breiten die Arme waagrecht aus, als wollten wir uns von der Oberfläche nach oben stemmen wollen. Wir schreien nicht, wir geben keinen Laut von uns, weil wir uns an unser letztes bisschen Sauerstoff klammern wie … naja… Ertrinkende eben.

Dieser Mitschnitt aus einem Wellenbad zeigt, wie Ertrinkende um ihr Leben kämpfen – ganz anders als im Film. Ich habe das Mädchen beim ersten Mal übrigens nicht entdeckt. Und ihr?

 

(5) Fahrzeug sag ich, nicht Feuerzeug

Fakt: Bei brennenden Autos ist die reale Physik nicht so sehr auf den Show-Effekt bedacht wie die Film-Physik. Der TÜV, diverse Feuerwehren, Verkehrsexperten, und Wikipedia, sagen: Autos explodieren nicht. Zumindest fast nicht. Zumindest müssen dafür eine Menge Umstände zusammenkommen, die jeder für sich genommen sehr unwahrscheinlich eintreten. Und je länger ich noch vor meiner Recherche darüber nachgedacht habe, desto überzeugter war ich: Sie alle haben recht. Schließlich sieht es auf den Straßen der Welt nicht aus wie einem Film von Michael Bay…

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… oder doch?

Warum Autos nicht explodieren: Flüssiges Benzin brennt gar nicht so leicht. Selbst ein Motor muss sich dafür ziemlich anstrengen, und der wurde immerhin dafür gebaut.

Um die Benzindämpfe müssen wir uns mehr Sorgen machen. Liegen sie im richtigen Mischverhältnis mit Luft vor, bilden sie ein explosives Gemisch. Jetzt gibt es aber in den Benzintanks in der Regel keine Luft. Damit der Tank also überhaupt eine Chance hat, in die Luft zu fliegen, müsste er beschädigt sein. Das kann bei so einem Unfall natürlich schon einmal passieren.

Für die große Explosion muss jetzt das Benzin verdampfen. Ein Feuer direkt neben dem Benzintank hätte diese unerfreuliche Wirkung, kommt in der Realität aber selten vor. Meistens beginnt das Feuer im Motor, züngelt also am vorderen Teil des Autos entlang, der Benzintank aber ist hinten.

Wenn der Benzintank kein Leck hat, das Feuer seine Temperatur aber ordentlich nach oben befördert, steigt mit den Gasen auch der Druck nach oben. Aber in jedem moderneren Auto hat so ein Benzintank ein Überdruckventil. Das entwichene Benzin brennt dann einfach ab, ohne zu explodieren.

Also: Auch bei Extremunfällen reicht die Zeit, um sich aus dem Auto in Sicherheit zu bringen oder um verletzte (Mit)insassen zu retten. Acht Minuten braucht ein Auto laut den Internetseiten verschiedener Feuerwehren, um vollständig in Flammen zu stehen. Das bestätigten Versuche am Allianz Zentrum für Technik (AZT) in München. „Solange keine Flammen im Innenraum sind, sind Rettungsversuche möglich, Erfolg versprechend und für einen Helfer noch nicht mit einem erhöhten Risiko verbunden“.


Einen all-inclusive Ausflug in Filme und ihre Physik bietet euch die Seite Intuitor Insultingly Stupid Movie Physics. Hier erfahrt ihr z. B., warum Independence Day mehr mit den Naturgesetzen zu tun hat als Planet der Affen, wie sich die kinetische Energie einer Pistolenkugel berechnen lässt und vieles mehr.


Bilder: John Diew/flickr, Stanford ONeil/flickr, Chrystian Guy/flickr, thirtyfootscrew/flickr; Video von Lifeguard Rescue

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