Spielekritik: The Long Dark

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The Long Dark erinnert mich daran, dass ich Menschlein ein ziemlich zerbrechliches Wesen bin. Meine Zähne und Nägel taugen nicht groß zum Kämpfen, meine fast haarlose Haut ist ein miserabler Kälteschutz und mein Magen hisst bei halb vergammeltem Fisch die weiße Flagge. Der rauen kanadischen Wildnis, gegen die mich die Entwickler Hinterland Studios in der Alphaversion ihres Spiels antreten lassen, stehe ich also fast hilflos gegenüber. So wird schon jede Stunde Weiterleben zu einem kleinen Sieg. Nur: Ist das Spiel gut genug, dass sich diese „Stunde mehr“  überhaupt lohnt?

Verloren im Schneegestöber

Ein wenig Essen und Trinken, ein bisschen Verbandszeug und keine Winterjacke – so ausgerüstet wirft mich das Spiel zu Beginn in eine schneeverhüllte Waldwelt. In den Baumwipfeln heult der Wind, in der Ferne die Wölfe, und ich kleiner Mensch will in dieser Hölle aus Eis und Schnee möglichst lang überleben. Ein Blick auf die Statusanzeige zeigt, ob das bald zum Problem wird: Hunger, Durst und Müdigkeit zehren an mir, aber es ist vor allem diese verdammte Kälte, die mir das Leben aus den Knochen saugt. Zum Glück ist die Wildnis nicht völlig wild. Auf vorsichtigen Schritten über das knirschende Weiß entdecke ich verlassene Überreste der Zivilisation, finde dort, neben Schutz vor der Kälte der Nacht, auch Vorräte oder nützliche Gegenstände. Dafür klicke ich auf einen Schrank oder eine Schublade, ein Ladebalken erscheint und mit ihm die Hoffnung, bald stolzer Besitzer wärmerer Schuhe, eines Dosenöffners oder – das Nonplusultra – eines Gewehrs zu sein.

Entsprechend ausgestattet kann ich zum Heimwerker werden: Socken stopfen steht bald ebenso auf der Nomaden-To-Do-Liste wie Kaninchenfallen bauen oder selbst erlegtes Wild auf dem selbst entfachten Feuer braten. Im Ofen würde das Fleisch übrigens kalt bleiben. Ein mysteriöser, geomagnetischer Sturm hat alle elektrischen Geräte schachmatt gesetzt, soviel verrät der Vorspann des Spiels. Das ist allerdings auch schon alles an Hintergrund, was die Alphaversion von The Long Dark bietet. Ich muss in der Sandbox meine eigene Geschichte schreiben.

Das macht sehr bald sehr viel Spaß. Wenn ich kurz dem Erfrierungstod eine Farm am Horizont ausmache, endlich mein heiß ersehntes Brecheisen finde, mit dem ich einige vorher verschlossene Schränke öffnen kann oder draußen der Sturm tobt, während ich vor dem Kamin ein Süppchen schlürfe, möchte ich am liebsten jemanden anrufen und von meinen Abenteuern erzählen, so sehr fiebere ich mit dem Spiel mit.

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Elektrisches Licht war einmal. Wenn sich der Tag dem Ende zuneigt, bin ich auf Fackeln oder Öllampen angewiesen.

Der beste Feind des Menschen

Das liegt auch daran, dass ich mir bereits nach meiner zweiten überstandenen Nacht stolz auf die Schulter klopfe. Denn in The Long Dark kann mich vieles töten. Meine Kleidung verschleißt, die Nahrungsvorräte verderben, trage ich zu viel mit mir, werde ich langsam und müde, und wenn ich doch einmal vergnügt durch die wunderschöne Landschaft stapfe, schlägt das Wetter um und ein Sturm bringt mich dem Erfrierungstod nahe. Am schnellsten aber sterbe ich, wenn mich einer der umherstreifenden Wölfe angreift, die sich im schwersten der drei möglichen Schwierigkeitsgrade sehr zahlreich gerade dort tummeln, wo es viel zum Plündern gibt.

Erwischt mich ein Wolf, gibt es ein kleines Klick-Minispiel, bei dem ich Stärke aufbaue und den Angreifer hoffentlich verletze oder sogar töte. Allerdings überstehe ich so ein Gefecht nie ohne Blessuren – mindestens muss ich meine Wunden desinfizieren und bandagieren, oft ist sogar die mühsam winterfest gemachte Kleidung ruiniert. Deshalb freue ich mich jedes Mal – Achtung, schlechtes Wortspiel – einen Wolf, wenn ich im Spiel ein Jagdgewehr entdecke, kann ich so doch die hungrigen Biester endlich aus der Ferne erledigen oder zumindest verjagen. Dennoch: Vorbeischleichen, Deckung in Autowracks suchen, oder ganz schnell ganz weit weg rennen, das sind in The Long Dark immer bessere Strategien als der Nahkampf oder das Verballern wertvoller Munition. Damit ist die Spieldynamik eine völlig andere als in einem der vielen Zombie-Survival-Spiele. Hier schlägt sorgfältiges Erkunden jede Rambo-Taktik.

Eine schöne, traurige Welt …

…haben die Entwickler für meinen Überlebenskampf geschaffen. Stellenweise breitet sich die Landschaft wie ein Ölgemälde vor mir aus, der Schnee schillert mal in sanftem Orange, mal in kaltem Blau.

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The Long Dark begeistert mit einem Himmel, der fast immer ganz großes Kino ist.

Zwar kann die Grafik mit aktuellen High-End Titeln nicht mithalten, der Fokus auf Kunst statt auf Realismus übt allerdings eine erfrischende Anziehungskraft aus. Die Musik, meist düstere Molltöne, erklingt nur selten, wirkt dafür aber umso beklemmender. Das passt zu einer Welt, in der ich immer wieder auf menschliche Überreste triffst, auf erfrorene Männer oder hastig zugenagelte Fabrikhallen, niemals aber auf menschliches Leben. Dennoch ist dieses Spiel kein stilles Spiel. Die Entwickler haben gerade die Geräuschkulisse mit viel Liebe zum Detail zu einer der tragenden Säulen des Nomadenerlebnisses gemacht. Ein erschöpfter Charakter schnauft schwer, hat er Schmerzen, beschwert er sich, Vögel krächzen erschrocken auf, wenn ich ihnen zu nahe komme, im Schnee knirschen meine Schritte, in großen Räumen hallen sie. The Long Dark ist so weit weg von steril, wie die kanadische Wildnis groß ist.

Wackeliger Balanceakt

Jedes gute Überlebensspiel ist ein Mittelweg zwischen zu schwer und zu leicht, zwischen frustrierend und langweilig. An diesem Balanceakt üben sich die Entwickler von The Long Dark, und sie werden noch etwas brauchen, bis sie ihn gemeistert haben. Wer z. B. sein Spiel mitten im Schneesturm startet, der ist schneller tot, als er rage quit sagen kann. Ein exorbitanter Kalorienhunger tut sein Übriges für ein anfangs forderndes Spielerlebnis: acht Stunden durchschlafen ist auch bei vollem Magen riskant für die Gesundheit. Das mag zwar unrealistisch wirken, hat mir persönlich aber viel Spaß gemacht. So musste ich auf der Suche nach Nahrung oder Wasser stets in Bewegung bleiben und mehr als einmal stand mein Überleben auf Messers Schneide.

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Wetterumschwung. Manchmal ist der Nebel im Spiel so dicht, dass ich glatt an meiner Basis vorbeilaufe.

Andererseits muss ein Spiel, das weder mit einer Geschichte noch mit einem spannenden Charakter aufwartet, vermehrt mit der persönlichen Herausforderung motivieren. Irgendwann aber ist der Punkt erreicht, an dem ich die ganze Landschaft in- und auswendig kenne und konsumgütertechnisch echt gut dastehe. Und dann? Dann ist das Überleben als reiner Selbstzweck nichts mehr wert.

Bis dahin dauert es gut und gern zwanzig Stunden. In The Long Dark gibt es viele Regionen, jede hat ihre Besonderheiten und Schwierigkeitsgrade, jede ist mässig bis riesengroß. In regelmäßigen Abständen integrieren die Entwickler auch neue Regionen und Spielelemente und entfesseln damit den Reiz des Erkundens aufs Neue. So besuche ich seit fast einem Jahr mit The Long Dark immer mal wieder die kanadische Wildnis, um mich mit den neuen Landschaften zu messen.

Die fertige Version soll einen Storymodus haben – eine Geschichte um einen Piloten, der in der baumwipfelgehüllten Leere Kanadas abstürzt. Vielleicht gibt es sogar mehrere spielbare Charaktere, denn in diesem Trailer deutet Hinterland Studios ein anderes Hintergrundszenario an. Zusammen mit dem stimmigen Gerüst, das diese Alphaversion präsentiert, weckt das die Hoffnung auf ein wirklich großartiges Spiel.

Bilder: The Long Dark

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