Maries Reise mit dem Tod

Maries Reise mit dem Tod

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Marie ist sechs Monate alt und krank, todkrank. Das bisschen Flüssigkeit, das ihre Mutter ihr vor wenigen Minuten mühsam eingeflößt hat, hat sie ebenso mühsam wieder ausgekotzt, den Kopf hochrot vor Anstrengung und Fieber. Zu schwach zum Schreien ist sie, aber zu stark, um zu ersticken. Noch. Die Krankenschwester zerrt Infusionsbesteck und -lösung aus ihrem Rucksack, ihr rechtes Augenlied zittert, ein bisschen Erschöpfung liegt in diesem Zittern, sehr viel mehr Sorge, und eine Prise Wut. Denn Marie braucht mehr als eine Infusion, Marie braucht ein ganzes Krankenhaus und das sofort. Aber für dieses „Sofort“ müsste der Zug, mit dem Marie gerade durch Deutschland braust, jetzt anhalten. Und dieser Zug hält unterwegs nicht an. Es ist ein Zug mit festem Start, festem Ende und keinem Mitleid dazwischen.

Der Start: Keiner der Mediziner, die Marie und ihre Mama in Passau untersucht haben, hat gemerkt, dass dieses Baby bald sterben wird. Die Krankenschwester weiß, dass dort vielleicht fünf Helfer Tausende von widerwillig wartenden Menschen beurteilen müssen. Mehr als ein paar Sekunden bleiben da nicht, um zu entscheiden: Hat er Läuse, hat er Fieber, kann er weiter? Dieses Wissen nimmt ihrer Wut etwas von ihrer Stärke, wenn sie brodelnd hochzukochen droht – immer dann, wenn der Zug an einem Bahnhof vorbeibraust oder Marie besonders kläglich wimmert.

Zara: Während die Infusion in das Baby hineintropft, beginnt Maries Mama mit monotoner Stimme zu erzählen. Der Dolmetscher sagt, dass sie Zara heißt. Zara hat ihren Mann an Assads Bomben und ihren Vater ans Mittelmeer verloren. „Ich hab nur noch Marie“, sagt sie, sie klingt dabei nicht traurig oder verzweifelt. Sie klingt, als würde sie die Speisekarte vorlesen. Ihren ganzen Monolog über hält sie ihren Blick starr auf das zitternde Bündel in ihren Armen gerichtet. Zara ist 19 Jahre alt und zum Roboter geworden. Die Krankenschwester und der Dolmetscher machen sich auch um sie große Sorgen.

Das Ende: Der Grund, warum dieser Zug seine Fahrgäste zu Insassen macht, heißt Sachsen. Nach Sachsen will hier keiner, zwischen den Sitzen und auf den Gängen wandern Geschichten über Neonazis und Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. Aber nach Sachsen hat die Bürokratie nun einmal den Endpunkt dieses Zuges hingesetzt und wer das mitbekommen hat, der will hier raus. Deshalb hetzt der Zug durch halb Deutschland, ohne Unterbrechung, ohne Realitätssinn, und deshalb ist der Securitymann auch alles andere als freundlich, als die Krankenschwester Zara und Marie am Ende der Reise nicht mit den anderen Flüchtlingen aussteigen lassen will. Hinlegen?, schnaubt er unfreundlich, nein, jeder müsse raus aus dem Zug, raus, basta, sofort. Draußen, das sind 300 schreiende Neonazis und mindestens ebenso viele Polizisten, die versuchen, die verängstigten Flüchtlinge vor diesem Hass abzuschirmen. Was fehlt, ist der gerufene Krankenwagen für Marie. Marie und Zara gehen erst raus, wenn der Krankenwagen da ist, versucht die Schwester den Securitymenschen zu überzeugen, und als der weiterschimpft, tut sie so, als wäre er nicht mehr da. Aber am liebsten, zuckt der Gedanke durch sie hindurch, würde ich dich jetzt richtig fest in die Eier hauen, meine Knie in deinen Bauch rammen, dich in ein winselndes Bündel Mensch verwandelt, so, wie Marie eins ist. Diese Wut erschrickt sie, so sehr, dass sie leise anfängt zu weinen. Schuld ist ja nicht der Securitymann, Schuld ist der abwesende Krankenwagen, von dem sie sich nicht sicher ist, ob er in dem Chaos da draussen überhaupt durchkommt. Schuld ist die schreiende Meute Hass, die am liebsten all die Stunden Leben, die sie Marie so mühsam abgekämpft hat, zunichte machen will. Und dieser verdammte, stur geradeausfahrende Zug!

Aber natürlich kommt der Krankenwagen doch irgendwann. Unter dem Gejohle und Gekreische der Neonazis trägt Zara ihre kleine Tochter hinein und das Letzte, was die Krankenschwester von ihnen hört, ist Maries Wimmern. In ihren Träumen hört sie es manchmal noch heute.

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Die Krankenschwester ist eine Freundin von mir. Was sie bei der Begleitung dieses Flüchtlingszuges erlebte, wollte sie auch nach ein paar Wochen nicht mehr loslassen. „Ich hör sie immer noch wimmern“, sagt sie. Dabei ist es seltsamerweise nicht die Unwissenheit über Maries und Zaras Schicksal, das ihr – und mir – zu schaffen macht, sondern die Sinnlosigkeit des Ganzen. Maries Reise mit dem Tod wäre vermeidbar gewesen. Warum darf denn ein Zug nicht anhalten, wenn sonst vielleicht ein Baby stirbt? Was ist einmal Bremsen gegen ein Menschenleben? Geld, Planung, Aufmerksamkeit, und als es für all das zu spät war: Mitmenschlichkeit hätten Zara und Marie helfen können. In dieser Geschichte zahlen den Preis für „Wir schaffen das“ nicht diejenigen, die Strukturen aufbauen oder stärken können, Geld ausgeben, organisieren. Nein, die haben es sich auf den wackeligen Schultern der ehrenamtlichen Helfer bequem gemacht. Hier zahlen vor allem Baby und Mutter, zwei Schutzbedürftige, die ohnehin nichts mehr haben.

Bild: Matt/flickr.com

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